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Abschied von Ruedi Lötscher, Mitbegründer Avenir50plus

Abschied von Ruedi Lötscher, Mitbegründer Avenir50plus

Viel zu früh bist du im Alter von 65 Jahren von uns gegangen, lieber Ruedi. Und ohne Vorwarnung. Du, der im Jahre 2012 zusammen mit Herbert Nell und mir unseren Verein gegründet hast. Die Zeitung, bei der du zuvor als Layouter gearbeitet hast, wurde an einen grossen Verlag verkauft. Wie wir damals, warst auch du im Alter 50plus auf der Suche nach bezahlter Arbeit. Statt in einen Kurs für «Indesign», dem Nachfolgeprogramm von «QuarkXpress» schickte dich das RAV in einen Power-Point-Kurs (!), was das frühzeitige Ende deiner Berufskarriere besiegelte.

Ich erinnere mich noch, wie wenn es gestern gewesen wäre, als wir zusammen am Zukunftskongress 2012 der Luzerner Hochschule uns ungefragt unter das Publikum mischten, um mit dem bekannten Lied von Mani Matter «Dene wos guet geiht…» die Fachleute auf die Nöte von Erwerbslosen 50plus aufmerksam zu machen. Auf dem Bild nebenan sieht man dich mit Gitarre, zusammen mit Regierungsrat Guido Graf. Es darf angenommen werden, dass unser origineller Auftritt Graf kurze Zeit später dazu veranlasste, unsere Petition «Bessere Arbeitsmarktchancen für Arbeitnehmende 50plus», die eine kantonale Subventionierung der Pensionskassenbeiträge für Stellensuchende 50plus verlangte, entgegenzunehmen.

Irgendwann hast du dann unseren Verein verlassen, weil dir das «Opfer-Gejammer» der Betroffenen unerträglich schien. Du versuchtest aus der Situation das Beste zu machen und hast deinem Leben auf deine Weise einen neuen Sinn gegeben. So war es dir wichtig, vom knapp bemessenen Sozialhilfegeld 10 Prozent an weitere Bedürftige abzugeben. Einen Teil deiner Zeit hast du einem alten Menschen geschenkt, der an Parkinson litt. Jedes Mal, wenn ich dich per Zufall auf der Strasse traf, erzähltest du mir von all den Büchern, die du in der Zwischenzeit verschlungen hast. Meist waren es Neuerscheinungen von namhaften Ökonomen wie David Graeber oder von Historikern wie Yuval Harari oder Philosophen wie David Precht. Der Traum von einer menschlicheren Welt hat dich genährt, doch war dir nur allzu bewusst, dass jede Änderung bei sich selbst anfängt. Nie habe ich eine Klage gehört über deinen gesundheitlichen Zustand, der dich immer wieder vor neue Herausforderungen stellte. Auch wenn Arbeitslosigkeit und die damit einhergehende Ausgrenzung aus der Gesellschaft nicht das einzige Risiko ist, das Gesundheit beeinflusst, so darf die Wirkung nicht unterschätzt werden. Gäll Ruedi, du gestattest mir diese Bemerkung zum Abschied.
Für mich warst und bist du ein grosses Vorbild. Adieu, du wertvoller Mensch.
Heidi Joos

Beisetzung: 23. August, 15.00 Uhr, Abdankungshalle Friedental

Avenir50plus: Architektin der Überbrückungsrente

Avenir50plus: Architektin der Überbrückungsrente

Die NZZ am Sonntag vom 8. Juli sowie die Sendung Kontext SRF vom 9. Juli widmeten der Erwerbslosigkeit Ü50 einen Beitrag. Der Vorschlag einer Überbrückungsrente für 60-Jährige, die ausgesteuert werden, wird dabei von beiden indirekt befürwortet. Rund vier Jahre wird das politische Prozedere bis zur Umsetzung in Anspruch nehmen, falls die politischen Mehrheiten diese Lösung erlauben. Auch wenn sich jetzt andere als Architekten dieser «Übergangslösung» inszenieren, Avenir50plus Schweiz hat diese Massnahme bereits zu Beginn der Jahreskonferenzen Alter und Arbeitsmarkt vor vier Jahren zur Diskussion gestellt und an der SKOS Jahreskonferenz 2017 in Freiburg mit einer Aktion erneut zur Diskussion gestellt. Siehe dazu Flyer.

Trotz der Kehrtwende des Bundesrates stellt sich die berechtigte Frage, ob damit die Probleme der Betroffenen vom Tisch sind. Nein, ganz und gar nicht. Die Diskriminierung von älteren Jobsuchenden hat laut Statistik zugenommen. Viele werden gar nie in den Genuss einer Überbrückungsrente kommen, weil sie vor 58 die Kündigung erhalten haben. Ein Gesetz zum Schutz vor Altersdiskriminierung, wie es die breite Allianz gegen Altersdiskriminierung fordert, würde die Lage der Betroffenen verbessern, darin sind sich die Autoren des Seco-Berichtes «Alterung und Beschäftigung» einig. Doch wie Erfahrungen von anderen Ländern zeigen, müsste ein Gesetz zwangsläufig von einer breit angelegten öffentlichen Sensibilisierungskampagne begleitet werden, denn solange die falschen Altersbilder sich in den Köpfen der Bevölkerung und Entscheidungsträger fortpflanzen, solange wird sich die darauf gestützte Diskriminierung des Alters aufrechterhalten.

Link zur Vernehmlassung des Bundesrates

Sozialbericht 2019: Ältere werden bei Jobsuche mehr diskriminiert

Sozialbericht 2019: Ältere werden bei Jobsuche mehr diskriminiert

Der soeben veröffentlichte statistische Sozialbericht 2019 belegt, was wir schon lange wissen: Sechs von zehn älteren Erwerbslosen gehören zu den Langzeitarbeitslosen mit teilweise katastrophalen Auswirkungen für Betroffe. Der SKOS Geschäftsführer fordert im Tagesschaubeitrag vom 7. Juli 2019 Anschlusslösungen für Ausgesteuerte sowie vermehrte Bildungsangebote. Doch das alleine reicht nicht. Die Schweiz benötigt dringend ein Altersdiskriminierungsgesetz, so wie es im EU-Raum bereits vor Jahren umgesetzt wurde.
Statistischer Sozialbericht 2019